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Autor: Monika Obermeie

  • Herkules Flieh – Teil 4

    Weiter geht’s ab Ende September 🙂

  • Herkules Flieh – Teil 3

    Da kommt eine englische Fledermaus dahergeflogen und erzählt mir Sachen, von denen ich noch nie gehört hatte und dabei kenne ich mich ziemlich gut aus in der Welt. Ich treffe mich regelmäßig mit meinen Freunden zum Flohstammtisch, wo allerhand Neuigkeiten ausgetauscht werden, lese nicht nur den Sportteil in unserem Flohblatt und in unserer Bücherei auf dem alten Jägerstand bin ich Vielleser-Mitglied. Das heißt, dass ich einmal im Flohmonat mit meiner Tasche aus echtem Fuchshaar drei neue Bücher ausleihe und drei alte zurückgebe. Das kann ich Euch nur empfehlen, denn da waren schon sehr viele spannende Bücher dabei. Ab und zu greift man natürlich auch daneben, so wie bei diesem Buch über Flohfossilien aus dem Fichtelgebirge. Klar, da ging es im Grunde um meine Vorfahren, aber ich fand das irgendwie nicht so spannend.
    Aber die meisten anderen Bücher waren Spitzenklasse. „Ein Floh fährt über das Meer“ war zum Beispiel so ein Buch, das ich fast ohne Unterbrechung durchgelesen habe. Nur als die Glühwürmchen gestreikt haben, musste ich für eine Nacht die Lektüre aus der Hand legen. „Schatten über einer Haselmaus“ von Gustav Flohbert war auch super und ich habe alle elf Bände von „Detektiv Masterfloh klärt auf“ gelesen. Für nächste Woche habe ich ein gerade neu erschienenes Buch vorbestellt: „Das Schokodil“ von Flavia Flohmeier. Das hat wahnsinnig tolle Kritiken in der Zeitschrift „Floh Heute“ bekommen, die ich natürlich auch regelmäßig lese. Allerdings darf man diese Zeitschrift nicht ausleihen, sondern muss sie direkt in der Bücherei lesen, weil der Andrang immer viel zu groß ist, als dass sie jeder mal eben für zwei Wochen zu Hause liegen haben kann.
    Trotz alldem wusste ich nichts von linksfahrenden Autos, geschweige denn von linksfliegenden Fledermäusen, hatte noch nie gehört, dass man Flexitarier sein konnte und bei der Geschichte mit den gefundenen „e“ konnte ich auch nicht mit Sicherheit sagen, ob die geflunkert war oder sogar völlig frei erfunden.
    Eine Sache, und das war die wichtigste, wusste ich allerdings ganz genau: Nicht jeder kann werden, was er will. Aber jeder hat eine ganz besondere Fähigkeit, und wenn man die erkennt und etwas daraus macht, dann hat man das Beste geschafft, was man im Leben schaffen kann. Mit dieser Sache hatte ich mich nämlich in meinen Leben viel beschäftigt, weil ich in meiner Jugend unbedingt Nordpolarforscher werden wollte, und gerade noch rechtzeitig jemanden kennengelernt hatte, der mir dabei geholfen hat, herauszufinden, was ich stattdessen tun sollte, weil es viel besser zu mir passt als Nordpolarforscher zu sein. Und seitdem bin ich, was ich immer schon war: Ein Zirkusfloh, und zwar der glücklichste aller Zeiten.
    Aber vielleicht erzähle ich Euch diese Geschichte lieber von vorn:
    Am Ende meiner Schulzeit bin ich oft mit meinen Freunden auf dem Spielplatz hinter der Schule umhergehüpft und wir haben zusammen überlegt, was wir nach der Schule machen könnten. Theodor Flohringer liebäugelte damals schon seit längerer Zeit mit der Idee, eine Ausbildung zum Arzthelfer zu machen, Meinrad Springmeister wollte zur Post und für Aeneas Schilling war ein Jurastudium nicht ausgeschlossen. Bei Irene Schmalfloh-Huber brauchte man gar nicht erst fragen, denn für alle, die sie kannten, war seit Jahren klar, dass sie Journalistin werden muss. Schon in der dritten Klasse hatte sie Artikel für ihre neu gegründete Schülerzeitung geschrieben und seitdem nicht mehr damit aufgehört. Ich kann mich nicht erinnern, dass man sie in den letzten Jahren einmal irgendwo ohne Kamera und Notizblock getroffen hat.
    Sie recherchierte im Wald und auf Wiesen, interviewte Politiker, Schauspieler und Supersportler und in ihrer Kolumne „Mit Irene immer einen Hüpfer voraus“ versuchte sie, auf schwierige Fragen eine Antwort zu finden.
    In jeder Ausgabe ihrer Schülerzeitung, die viermal im Flohjahr erschien, nannte sie schon die Frage, die sie bis zur nächsten Ausgabe beantworten wollte, was auch bedeutete, dass man sich drei lange Flohmonate selbst Gedanken über die Lösung machen konnte. „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“, war zum Beispiel so eine schwierige Frage, die Irene in einer Ausgabe ankündigte. Ich fing damals an, mir Gedanken zu machen und überlegte Tag und Nacht und hin und her. Aber Antwort fand ich keine, so dass ich schließlich meine Eltern gefragt habe.
    Als die es allerdings auch nicht wussten, wo sie doch bisher alle meine Fragen beantworten konnten, gab ich auf und musste das Erscheinen der nächsten Ausgabe abwarten. Nach ca. drei Wochen traf ich Irene aber zufällig in der Apotheke und da ich wie die meisten jungen Flöhe sehr ungeduldig war, habe ich sie einfach gefragt, wie es denn jetzt sei, eine Fledermaus zu sein. „Es tut mir leid“, hat sie geantwortet, „ich weiß die Antwort selbst noch nicht, weil ich noch mitten in der Recherche bin. Deshalb habe ich jetzt auch leider keine Zeit, obwohl ich mich noch sehr gern mit Dir unterhalten würde, ich muss nämlich los zu einem Termin.“ Aber genau in dem Moment, als sie „Termin“ sagte, fiel ihre Tasche herunter und die Schachtel mit Zeitschriften, Notizblock und Stiften, die sie auch noch in der Hand hatte. Beinahe wäre auch noch die Kamera zu Bruch gegangen, die auf der Schachtel mit den Zeitschriften, Notizblock und Stiften lag, wenn ich nicht blitzschnell reagiert und sie aus dem Sprung und noch in der Luft gefangen hätte. „Das ist ja nochmal gut gegangen“ sagte ich innerlich erleichtert und äußerlich betont lässig. Und auch ein bisschen stolz. „Danke Herkules! Du bist ein Schatz und der schnellste und beste Springer, den ich kenne. Machʼs gut und bis morgen in der Schule!“ „Ja, bis morgen“ sagte auch ich und war wahrscheinlich wieder ein bisschen rot geworden, denn immerhin hat das schlaueste Mädchen der Schule eben „Schatz“ zu mir gesagt. Wahnsinn….
    Trotzdem musste ich wie alle anderen auf die nächste Ausgabe warten. Weil zwischendurch aber ein paar spannende Sachen passiert sind, wie z.B. die Geburt meiner Schwestern 53-68 und meines 88ten und 89ten Bruders, ich wie immer Hausaufgaben machen musste und Zähneputzen und pünktlich aufstehen, verging die Zeit dann doch wie im Flug, und zwischendurch hatte ich die Frage sogar schon vergessen. Als dann aber die neueste Auflage auf meiner Schulbank lag, war ich gespannt wie ein Flitzebogen und musste nur noch zwei Unterrichtsstunden Flohhochdeutsch und eine Stunde „Richtig zubeißen“ überstehen, bevor ich mir in der großen Pause endlich die Antwort auf die große Frage durchlesen konnte. Dann war es soweit, ich machte es mir auf der Schaukel im Pausenhof gemütlich und las mir Irenes Kolumne durch. Das war aber ein wenig komplizierter, als ich mir das vorgestellt hatte.
    Es kamen Wörter vor wie „Argument“, „Existenz“, „Bewusstsein“ und noch viele andere, die ich noch nie gehört hatte oder, wenn ich sie schon mal gehört hatte, einfach nicht verstand. Irene war eben ziemlich schlau. Ganz am Ende stand dann: „Wir können niemals wissen, wie es sich für eine Fledermaus anfühlt, eine Fledermaus zu sein.“ Da war ich etwas enttäuscht, denn ich war fest davon ausgegangen, dass es einen Tricks gibt, durch den man herausfinden kann, wie sich so eine Fledermaus-Existenz oder wie das heißt, anfühlt.
    Auch in dieser Ausgabe wurde aber wieder die Frage bekannt gegeben, die Irene in drei Monaten beantworten wollte und sie lautete: Welche Auswirkungen hat das Schmelzen der Polkappen auf die Flohwelt?
    Dass das ein ziemlich wichtiges Thema war, war allgemein bekannt, denn durch die Eisschmelze steigt der Meeresspiegel, und da Flöhe – mit Ausnahme der Wasserflöhe – nicht schwimmen können, sind wir davon direkt betroffen. Wie die Zukunft dann allerdings genau aussehen würde, wusste natürlich niemand.
    Diese Frage beschäftigte mich noch viel mehr als die letzte und ich wollte mich ausführlich darüber informieren. Und das habe ich dann auch gemacht. Ich bin in die Bücherei gegangen und habe Bücher gefunden, in denen erklärt wurde, welche Bedingungen am Nordpol herrschen und welche Tiere dort leben. Außerdem habe ich Bücher über den Südpol gelesen und erfahren, wann zum ersten Mal eine Expedition dorthin erfolgreich war usw. Was ich allerdings nicht gefunden habe, waren Untersuchungen von Flohforschern zu den Auswirkungen des Schmelzens der Polkappen.
    Ich habe natürlich auch meine Mama gefragt, ob sie weiß, was passieren wird, wenn die Polkappen weiter schmelzen, weil sie sich in Erdkunde sehr gut auskannte, aber sie meinte, dass das alles sehr schwierig vorherzusagen sei, v.a. weil es von Flohforschern bisher noch keine Untersuchungen zu diesem wichtigen Thema gebe.
    Ich hatte also die Antwort gefunden, dass man diese Frage noch gar nicht beantworten kann und hatte damit wieder etwas ganz Neues gelernt, denn bis dahin waren Fragen etwas, worauf spätestens meine Eltern immer eine Antwort hatten, mit der ich mich dann beruhigt schlafen legen konnte.
    Zwar kam es durchaus vor, dass meine Eltern zwei verschiedene Antworten auf eine Frage hatten, aber dann diskutierten sie darüber und am Ende kam eben eine Antwort heraus, auf die ich mich dann verlassen konnte. Das würde von heute an anders sein, denn nun musste ich damit rechnen, dass es nicht nur manchmal mehrere Antworten auf eine Frage gibt, sondern dass es eben auch sein kann, dass es gar keine Antwort gibt.
    Aber neben dieser Antwort hatte ich noch etwas gefunden. Etwas, das mein ganzes Leben bestimmen sollte: Meinen Traumberuf!
    Ich wollte Polarforscher werden und dahin kommen, wo vor mir noch kein Floh der Welt war. Da ich weiter viele Bücher las und nun wusste, dass es von dort aus, wo ich wohnte, zum Südpol dreimal so weit war wie zum Nordpol, beschloss ich, Nordpolarforscher zu werden und mit ganz viel Proviant, ganz warmen Handschuhen und vielleicht einem Freund dorthin zu gehen. Und natürlich wieder zurück, um den anderen davon zu erzählen. In meinen Träumen sah ich mich auf einem Schlitten auf Eisschollen treiben, mir gegenüber ein Eisbär, der so groß war, dass einem Angst und bange werden konnte. Aber da ich ja so klein war, konnte er mich gar nicht sehen und deshalb brauchte ich mich vor ihm nicht zu fürchten. Ich stellte mir vor, wie ich mir ein Iglu baute um mich darin auszuruhen, bevor ich dann wieder aufbrach, um schließlich zwar erschöpft aber glücklich den Nordpol zu erreichen. Was für ein Gefühl!
    Beim nächsten Treffen mit meinen Freunden erzählte ich natürlich allen davon, denn ich war so glücklich zu wissen, was ich machen wollte. Außerdem brauchte ich ja noch jemanden, der mitkommen wollte, denn ganz allein schien mir diese große Reise doch etwas zu gefährlich und ohne Unterhaltung auch ein bisschen zu langweilig. Komischerweise war keiner von meiner Idee so begeistert wie ich. „Sorry, Herkules, ich muss mich nach der Schule auf eine Aufnahmeprüfung für das Jurastudium vorbereiten“, sagte z.B. Aeneas und Meinrad meinte: „Das ist doch viel zu kalt!!!!“ Die Reaktionen der anderen fielen auch nicht viel positiver aus, aber mein Plan stand fest: Ich wollte Nordpolforscher werden und viele wissenschaftlichen Erkenntnisse gewinnen und die Flohwelt damit voranbringen, und wenn es sein musste eben auch alleine.
    Vielleicht könnt ihr Euch denken, dass meine Eltern auch nicht gerade frohlockten, als ich ihnen davon erzählte: „Herkules, das geht doch nicht“, sagte meine Mutter und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Diese Reise ist viel zu gefährlich für einen Floh.“ Papa sagte: „Schlag dir das aus dem Kopf, Herkules.“ Und meine Geschwister waren auch keine große Hilfe: „Aber Herkules, wenn Du nicht da bist, wer liest mir denn dann abends was vor?“ fragte meine Schwester Irene – ja, Irene war ein sehr beliebter Name als ich jung war – und Bülent, mein größter Bruder, meinte nur: „Hast Du vielleicht vergessen, dass Du mir im Winter immer die Bettdecke klaust, weil Dir so kalt ist? Und dass Du auf unseren Sonntagsspaziergängen immer der erste bist, der anfängt zu schimpfen, weil ihm der Weg zu weit ist? Wie willst Du denn dann bei eisigen Temperaturen tausende Kilometer weit laufen?“
    Die verstanden wirklich gar nichts! An den Nordpol laufen war ja wohl etwas anderes als langweilige Sonntagsspaziergänge und natürlich würde ich mich um eine warme Ausrüstung kümmern, das war ja sowieso logisch. Ich werde Nordpolarforscher, egal was die anderen sagen! Und irgendwer hat schließlich auch mal gesagt, dass man alles werden kann, was man will.
    Ich machte mir also sehr viele Gedanken über meine Reise, überlegte mir, wann ein guter Termin für den Start der Expedition wäre und was ich bis dahin alles besorgen musste. Inzwischen hatte ich alle Bücher aus der Bücherei zum Thema Nordpol, Schneewandern, Eisbären, Iglu-Bauen und Kartenlesen auswendig gelernt und fühlte mich gewappnet für alles, was da kommen möge. Nur manchmal fiel mir ein, was mein Bruder gesagt hatte: dass mich ja immer so leicht friert. Das stimmte zwar tatsächlich, sollte mich aber nicht davon abhalten, der erste Floh zu sein, der am Nordpol war. Stattdessen machte ich Abhärtungskuren und trank nur eiskaltes Wasser oder schlief nachts draußen ohne Decke. Man war das eisig! Ich habe kein Auge zugemacht, weil mir so kalt war, konnte meine Zehen nicht mehr spüren und am nächsten Tag hatte ich dann auch eine schlimme Erkältung. Außerdem machte ich riesig weite Wanderungen: Von zu Hause über die Pusteblumenwiese bis zum Jägerstand und dann über den Waldweg zurück. #
    Dieses Mal konnte ich meine Füße sehr deutlich spüren, weil ich vor lauter Blasen bei jedem Schritt Schmerzen hatte. Aber ich konnte jetzt nicht aufgeben, ich wollte schließlich der berühmteste Nordpolarforscher der Flohwelt werden. Das mit dem Termin der Abreise hatte ich mir auch leichter vorgestellt, denn ich musste einen wirklich guten finden, wenn ich schon alleine losziehen musste. Die Schule dauerte nur noch zwei Wochen, danach konnte es rein theoretisch losgehen. Vielleicht sollte ich gleich den ersten Montag nach Schulende nehmen? Dann könnte ich am Wochenende in Ruhe packen, mich von allen verabschieden und am Sonntag noch Blutgrütze essen. Vielleicht wäre es aber besser, erst am Dienstag loszugehen, weil manchmal, wenn ich viel Blutgrütze gegessen habe, bin ich so müde, dass ich einen Tag Erholung und ganz viel Schlaf brauche. Dann fiel mir ein, dass meine Eltern an eben jenem Dienstag ein paar ihrer Freunde zum Essen eingeladen hatten und es war immer so schön, wenn wir Gäste hatten, denn dann durften wir Kinder länger spielen und aufbleiben als sonst! Dienstag geht dann nicht. Mittwoch auch nicht, wegen länger aufbleiben am Dienstag. Man war das kompliziert, den richtigen Tag auszusuchen.
    Als ich über all das nachdachte, sprang ich wie meistens beim Nachdenken durch die Gegend. Ich war schon im Kindergarten sehr gut im Hüpfen und hatte immer viel Spaß daran, Drehungen in meine Sprünge einzubauen oder z.B. Blumen als Trampoline zu benutzen und damit auf einen noch höheren Ast zu kommen. Manchmal wurde mir leicht schwindlig dabei, und das war ein tolles Gefühl. Ich war also gerade dabei, von meiner Leberblume auf die nächste Pusteblume zu springen und dann weiter bis auf den abgesägten Baumstamm. Von da wollte ich gerade weiter auf die Brombeerhecke als jemand sagte: „Du kannst aber toll springen! So akrobatische Flohhüpfer habe ich noch nicht gesehen.“ Ich sah mich um und konnte zunächst nicht erkennen, wer da gesprochen hatte. Das einzige was mir auffiel, war etwas Glitzerndes in Form eines Wassertropfens auf dem Kleeblatt nebenan, obwohl es gar nicht geregnet hatte. Aber Wassertropfen konnten doch nicht sprechen! Oder doch?


    Was meint ihr? Wer hat da gesprochen?
    Außerdem sind wir neugierig darauf, was wohl eure Traumberufe sind…. und eure Lieblingsbücher…?
    Schreibt uns, wir freuen uns!

    Und falls jemand die gleichen Interessen hat wie Herkules, können wir diese Bücher hier empfehlen:

    Bjørn Ousland: Reise ins ewige Eis – Wie werde ich Polarforscher
    DTV, ISBN 978-3-423-64054-1, 16,95 €

    Monika Obermeier: Das Schokodil
    Edition Buch&Grafik, ISBN 978-3981469172, 14,90€

    Weiter geht‘s mit der Geschichte ab Ende September hier.

  • Herkules Flieh – Teil 2

    Teil 2

    First of all, also zuerst einmal bin ich sechs Monate und damit alt genug, die Welt allein zu entdecken, auch wenn ich meine Eltern natürlich sehr liebhabe und sie auf dieser großen Reise vermisse. Ich habe Dir ja schon verraten, dass ich ein feuerspuckender Drache werden will, damit ich später im Zirkus auftreten kann und ganz berühmt werde. Zusammen mit meinen Eltern habe ich beschlossen, dass es am besten ist, viele Länder in Europa zu bereisen und jemanden zu finden, der mir helfen kann, ein richtig guter feuerspeiender Drache zu werden.
    „Aha“, sagte ich „und in England gibt es niemanden, der Dir dabei helfen kann?“
    „No, also nein, da bin ich überall rumgeflogen und habe gesucht, aber niemanden gefunden. Ich war auch beim Loch Ness, das ist ein See in Schottland, in dem angeblich ein Drache wohnt, aber ich habe ganz genau geschaut, Tag und Nacht, und habe niemanden und nichts gesehen, was nur annähernd wie ein Drache aussah. Und dann habe ich beschlossen, dass ich woanders weitersuchen muss. Dass ich jetzt in Deutschland bin, ist ehrlich gesagt keine Absicht. Ich bin einfach losgeflogen und obwohl ich mit meinem superguten Gehör keine Probleme habe, meinen Weg zwischen Bäumen, Häusern und Türmen zu finden, kann ich trotzdem keine Landkarte lesen und ein bestimmtes Ziel anfliegen. Deshalb ist es jetzt eher ein Zufall, dass ich hier bin und nicht z.B. in Schweden.“
    „Schweden?“ fragte ich erstaunt. „Soll ziemlich kalt sein dort, habe ich mal von einem befreundeten Eichhörnchen gehört.
    Wenig Nüsse, dafür viele Seen. Und von Drachen hat es auch nichts erzählt, geschweige denn von Zirkus, das würde mich ja schließlich auch interessieren!“
    „Na, dann ist es doch ein sehr gutes Glück, dass ich hier gelandet bin, bei Dir! Du bist zwar kein Drache, aber immerhin arbeitest Du im Zirkus!“
    „Ja das stimmt! Ich würde sagen, es hat noch niemandem geschadet, mich zu kennen! Und Deine Eltern?“, fragte ich jetzt nochmal, „was machen die so, also beruflich?“
    „Mein Vater ist Statusquotiker und arbeitet in unserer Regierung“, sagte Batty. „Wie bitte? Statusquotiker? Was ist das denn für ein Beruf?“ fragte ich, schon wieder ziemlich erstaunt und verwirrt von diesen vielen neuen Sachen und Wörtern. „Ein Statusquotiker ist jemand, der dafür sorgt, dass alles so bleibt wie es ist“, versuchte sie mir diese für mich merkwürdige Tätigkeit zu erklären. „Das verstehe ich nicht“, sagte ich, „denn welche Sachen bleiben denn immer gleich? Wenn ich morgens aufstehe, ist die Sonne schon wieder aufgegangen und von Mond und Sternen ist nichts mehr zu sehen. Dann hüpfe ich auf meinem Weg in die Schule über die Wiese, und da wachsen, blühen und verblühen jeden Tag zahlreiche Pflanzen, es verändert sich doch ständig alles!“, warf ich ein. „Das stimmt schon“, sagte sie, „aber insgesamt betrachtet, bleibt doch alles immer gleich, weil die Sonne z.B. jeden Tag auf- und wieder untergeht, und die Blumen erst aufblühen und dann verwelken, verstehst Du?“ „Na ja, irgendwie nicht so ganz“, gab ich zu. „Und warum sagen Deine Eltern dann, dass Du alles werden kannst, was Du willst, wenn doch alles gleichbleiben soll?“ „Weil das Andere im Grunde auch nur ein Teil des Gleichen ist, denn wenn viele Menschen etwas Anderes machen, machen sie doch eigentlich alle das Gleiche, isn`t it?“, schloss sie ihrer Ausführungen mit einer Selbstverständlichkeit, die ich nicht teilen konnte, sorry Leute: Ich bin ein einfacher Floh, beileibe nicht dumm oder gar denkfaul, aber das war mir jetzt doch etwas sehr abstrakt. In der Hoffnung, nun etwas Einfacheres zu erfahren, und diesen schwierigen Gedanken dann später wieder aufgreifen zu können, fragte ich weiter: „Und Deine Mutter, was macht die so?“
    Meine Mutter kümmert sich zusammen mit meinem Vater um uns Kinder. Halbnachts forscht sie über Fledermausrituale im Alpenraum und ist Landesvorsitzende der ,PffF‘, das ist die ,Partei für freiheitliche Fledermäuse‘.“
    „A propos halbnachts. Auch wenn ich schlaftechnisch ziemlich flexibel bin, mache ich eigentlich tagsüber immer ein ziemlich ausgedehntes Päuschen, so von kurz nach halb neun bis ungefähr dreiviertel fünf im Winter und von zehn vor viertel nach sieben bis halb acht im Sommer. Und da es ja gerade erst kurz vor viertel nach 14 Uhr ist, könnten wir uns ja mal aufs Ohr hauen, oder?“, fragte ich Batty und musste dabei ein klein wenig gähnen.
    „Wieso wollen wir uns denn auf die Ohren hauen?“, fragte Batty zurück.
    „Na ich mein, wir könnten in die Federn kriechen!“, antworte ich in der Hoffnung, mein Anliegen nun deutlicher zum Ausdruck gebracht zu haben, aber Batty sagte:
    „Ich habe bei Dir gar keine Federn gesehen und ich habe auch keine!“
    „Ach [bætı], das sagt man bei uns so, wenn man auch als Floh hundemüde ist und die Augen kaum mehr offenhalten kann.“
    „Ach so! Wir in England sagen, wir lassen uns aufs Heu fallen, auch wenn wir gar nicht mehr auf Heu schlafen. Das sind wohl ganz alte Redensarten, die in jedem Land ein bisschen anders sind. Aber Du hast Recht, ich muss dringend schlafen, denn ich bin jetzt schon eine ganze Weile unterwegs. Wir müssen uns dann aber unbedingt später weiter unterhalten, versprochen?“ „Na klar! Ich lege mich da drüben auf das Leberblümchen und wecke Dich später auf. Dann können wir uns was zu essen holen und uns den Sonnenuntergang anschauen, der ist hier nämlich ziemlich toll. Also schlaf schön und träum was Kleines!“
    Dann hüpfte ich auf mein Leberblümchen, rutschte das Kronblatt hinunter und wurde weich von den Staubblättern abgefedert, drehte mich noch ein bis viermal um und schon war ich im tiefsten Floh schlaf an ge . komm……….en. (Nur falls ihr es nicht schon vergessen habt, dass ich vorhin gesagt habe, wir Flöhe würden niemals schlafen, würde ich jetzt korrigieren, dass wir manchmal, also quasi ganz selten, schon mal die Augen zumachen zur Erholung. Flunkern gehört eben zum Geschäft. Aber in Streichholzschachteln schlafen wir niemals!)

    „Hatschi“
    „Hatschiiiii“
    „Hatschiiiiiiiiiii“. Das weckt ja den stärksten Zirkusfloh auf! Jetzt ist mir der ganze Blütenstaub in die Nase gekommen, nur weil diese Bienen niemals auf schlafende Flöhe Rücksicht nehmen können. Wieso eigentlich nicht? Ich spaziere doch auch nicht auf den Augenbrauen von schlafenden Tigern oder hinter den Ohren von Waldmäusen im Winterschlaf! Na gut, okay, manchmal mache ich das. Eigentlich sogar ziemlich häufig, also bei den Waldmäusen, denn Tiger gibt es ja bei uns gar nicht, aber ich muss schließlich auch etwas zu essen haben. Und immerhin bin ich da so diskret und leise, dass die Tiere gar nicht merken, dass ich ihnen ein bisschen Blut abgesaugt habe, ganz im Gegensatz zum Beispiel zu Mücken. Die stellen sich meiner bescheidenen Meinung nach nämlich ziemlich doof an mit ihrem sirrenden Summen, und das endet dann auch nicht selten tragisch. Vor ein paar Monaten hatte mich auch einmal eine Mücke angesprochen, ob wir nicht zusammen eine Zirkusnummer aufführen könnten, was sich ja eigentlich schon vom Namen her ausschließt, denn es heißt ja Flohzirkus und nicht Mückenzirkus, aber gut. Jedenfalls habe ich dann gesagt: „Hey Mücke“ (ihren Namen hatte ich leider schon wieder vergessen, denn das Namensgedächtnis von Flöhen ist wahrhaft nicht sehr gut entwickelt) „das geht leider nicht, denn mit deinem Gesirre raubst Du doch dem Zuschauer die ganze Illusion! Aber wenn Du willst, frage ich mal meinen Kumpel von der Geisterbahn, der kann bestimmt noch jemanden brauchen, der ganz fiese Geräusche machen kann.“ Nur ganz langsam wurde ich richtig wach, das hatte mich alles offensichtlich sehr erschöpft, und als ich die Sonne suchte und sie hinter den Bäumen wiederfand, war mir klar, jetzt muss ich mich beeilen, um Batty aufzuwecken, damit wir uns zusammen den Sonnenuntergang anschauen konnten, denn wer weiß, ob der in England genauso schön ist? Also bin ich über die kleine Wiese zu dem Kirschbaum gehüpft, an den sie sich zum Schlafen gehängt hatte und tatsächlich hing sie noch am gleichen Ast wie vorhin. Weil ich nicht unhöflich sein wollte, habe ich erstmal leise von unten nach oben gerufen: „[bæ tı]“ aber da ist nichts passiert.
    Dann nochmal, schon ein bisschen lauter: „[bæ t ı]!“. Wieder nichts. Schließlich habe ich ein bisschen Anlauf genommen, bin auf den Baumstamm gehüpft und von dort aus weiter auf den Ast, an dem sie hing und habe wieder gerufen „[bæ t ı]“ und dann hat sich endlich was gerührt. Sie hat ihr rechtes Auge aufgemacht, dann aber gleich wieder zu. Dann hat sie das linke Auge geöffnet und schließlich das rechte noch dazu und hat sich mit ihren Flügelarmen die Augen gerieben und dann endlich zu mir herübergeschaut. Sie war ein bisschen schlaftrunken, wie man das meistens direkt nach dem Aufwachen ist, und wahrscheinlich noch viel mehr, wenn man gerade aus England angeflogen kommt und den Ast, an dem man hängt, vorhin zum ersten Mal gesehen und die Stimme, die nach einem ruft, erst vor kurzem zum ersten Mal gehört hat.
    „Hallo Herkules“ hat sie dann mit einer Knusperstimme gesagt, „ist es schon Zeit aufzustehen?“ „Wenn wir uns den Sonnenuntergang ansehen wollen, dann ist es allerhöchste Eisenbahn“, antwortete ich. „Und es ist auch schon Zeit zum Spätstücken, zumindest schiebe ich schon gewaltigen Kohldampf, und Du?“ „Einen Kohldampf schiebst Du? Wo schiebst Du den denn hin? Brauchst Du Hilfe beim Schieben?“ fragte sie mit großem Erstaunen. „Nein [bætı], ich schiebe überhaupt nichts nirgendwohin, sondern „Kohldampf schieben“ sagt man, wenn man ziemlich großen Hunger hat.“ „Ach so. Und woher weiß man, dass das, was jemand sagt, gar nicht das ist, was er meint? Und wie findet man dann heraus, was es eigentlich bedeutet?“ „Ja, Du hast schon recht, das ist eine ziemlich komplizierte Sache, über die ich einmal etwas ausführlicher nachdenken und vielleicht auch ein Buch darüber lesen sollte. Im Beispiel mit dem Kohldampf kann ich Dir nur sagen, dass das eigentlich der Tricks dabei ist, dass eben nicht alle wissen, was das bedeutet, denn das Wort gehört zu einer Geheimsprache. Die wurde viele Jahrhunderte von Flöhen gesprochen, die keine feste Wohnung hatten, weil sie z.B. so wie ich als Zirkusfloh von Stadt zu Stadt gezogen sind und sie konnten sich aufgrund dieser Geheimsprache als Wanderflöhe erkennen, denn von außen gleicht ein Floh dem anderen doch sehr.

    Und auch für Gauner war es sehr praktisch, so eine Geheimsprache zu haben, denn so konnte der eine zum anderen sagen „ich habe ausbaldowert, wo wir Mäuse finden“ und kein anderer wusste, dass sie damit meinten, dass sie ein Geldversteck ausfindig gemacht hatten. Verstehst Du das?“ „Ja, ich denke schon“, sagte Batty, wobei sie ganz langsam sprach, wahrscheinlich weil sie neben dem Sprechen noch andere Gedanken dachte. „Das ist eigentlich ziemlich praktisch, so eine Geheimsprache und ein ziemlich guter Tricks. Kannst Du mir noch mehr Wörter beibringen?“ „Hm, mal sehen. Wenn mir wieder was einfällt, sage ich Dir Bescheid, okay?“ „Gut“, antwortete Batty zufrieden.
    „Aber was wollen wir denn jetzt spätstücken? Ich kenne hier in der Nähe einen Dachs, der hat immer ziemlich viel Ungeziefer in seinem dicken Fell, dort könntest Du was zu essen finden und ich sauge ein klein bisschen Blut.“ Batty sah mich mit einem Gesicht an, in dem sich Schlaftrunkenheit mit Unverständnis mischte und sagte: „Weißt Du, ich bin eigentlich Flexitarierin.“ Es vergingen einige Sekunden bevor ich fragen konnte: „Flexiwas?“ und in meiner Stimme konnte man deutlich mein Unverständnis hören. „Kannst Du etwa auch eine Geheimsprache und das heißt, dass Du nur Wackelpudding mit Pommes isst? Oder ist das eine Religion?“
    „No, also nein, das ist keine Religion, aber mit Wackelpudding und Pommes liegst Du gar nicht so falsch, denn Flexitarierin zu sein bedeutet, dass ich die meiste Zeit nur Früchte und Gemüse esse, Getreide natürlich auch. Aber wenn mir dann mal eine Mücke direkt in den Mund fliegt, dann spucke ich die nicht gleich wieder aus. Ich bin also eigentlich Vegetarierin, aber dabei ein bisschen flexibel. Weißt Du, wie ich meine?“ fragte sie. „Na ja, das ist für mich schon schwer vorstellbar, denn wir Flöhe trinken seit Generationen Blut und nichts anderes. Das hat mir meine Mutter beigebracht, die es wiederum von ihrer Mutter gelernt hat und die wiederum, na, Du weißt schon. Irgendwann hatte ich mal gehört, dass es in Jamaika einen Floh geben soll, der nur Ananassaft trinkt, aber keiner wusste so genau, ob es ihm damit gut geht und seitdem habe ich auch nie wieder darüber nachgedacht. Flöhe trinken Blut, so ist das eben. Willst Du dann vielleicht weiter an Deinen Kirschen knabbern und ich gehe mal kurz zum Dachs? Bin gleich zurück!“
    „Ja, aber beeil Dich, der Sonnenuntergang!“ „Wird gemacht“, versprach ich und bin dann den Baum wieder runter geklettert, Richtung Dachsbau gelaufen und habe mir dabei so meine Gedanken gemacht.


    Na, und was esst ihr am liebsten?

    Oder kennt ihr auch lustige Sprichwörter oder Wörter, die auch eine ganz andere Bedeutung haben können? Batty würde sich sicher über ein kleines Geheimsprachen-Wörterbuch freuen, damit sie auch alles richtig versteht!

    Und schöne Sonnenuntergänge gibt es bei uns zur Zeit ja auch oft zu sehen. Malt ihr uns einen oder schickt uns ein Foto?

    Wir freuen uns darauf, von Euch zu hören oder zu lesen…
    und ihr findet die nächste Fortsetzung der Geschichte ab Anfang September hier

  • Herkules Flieh – Teil 1

    Herkules Flieh – Teil 1


    Hallo liebe Fortsetzungsgeschichten-Leser*innen,

    hier beginnt nun also unser neues Projekt, und sicher seid ihr schon ganz gespannt. Gleich werdet ihr den berühmten Zirkusfloh Herkules kennenlernen! Doch damit nicht genug – ihr dürft auch selbst aktiv werden! Nach jedem Abschnitt der Geschichte geben wir euch ein paar Anregungen und Ideen, was ihr mit dem gelesenen Text anstellen könnt. Zum Beispiel eine eigene Fortsetzung schreiben oder ein passendes Bild gestalten. Vielleicht schreibt ihr uns einfach einen Brief, was euch gefallen hat oder was ihr selbst schon mal ganz Ähnliches erlebt habt…? Oder ihr bastelt uns etwas Lustiges zum Thema… Eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!

    Wir freuen uns sehr auf eure Zusendungen, und werden diese (falls ihr einverstanden seid) auch gerne in der Murkelei ausstellen.

    Ganz herzlich möchten wir uns bei Monika Obermeier bedanken, die uns die Geschichte von Herkules und Batty zur Verfügung gestellt und die Idee dieses Fortsetzungsprojekts ins Leben gerufen hat. Ein großes Dankeschön geht außerdem an Christian Schout für das Zeichnen der Comicfiguren!

    So, nun aber viel Spaß beim Lesen…

    Euer Team aus der Murkelei


    1. Teil: Die Abenteuer des sehr berühmten Zirkusflohs

    Was ich auf diesem Bild für Euch gemalt habe, ist meine erste Begegnung mit einer englischen Fledermaus. Habt Ihr mich schon entdeckt auf dem Bild?
    Ich bin der, den die Fledermaus mit ihrem Flügel bedeckt, aber vielleicht nicht auf den ersten Blick zu finden, denn ich bin nicht sehr groß. Aber ich bin da, das kann ich Euch versprechen!

    Mein Name ist Herkules Flieh und ich bin ein Zirkusfloh, ein ziemlich berühmter sogar in der Flohzirkuswelt, weil ich ganz weit springen und mich dabei um mich selbst drehen kann.
    Ich war auch gerade dabei einen neuen Sprung auszuprobieren, habe 150 Flohschritte Anlauf genommen, bin abgesprungen und habe mich zweimal um mich selbst gedreht, als plötzlich eine Fledermaus von links angeflogen kam und mit ihrem Flügel an meine linke Schulter stieß. Dadurch hatte sich ihr Flügel in meinem linken Hosenträger verfangen und ich wurde unfreiwillig zu ihrem blinden Passagier. Alles ging so schnell und als ich endlich verstanden hatte, wieso ich nun meine Wiese plötzlich von oben sah, setzte sie zur Landung an und bremste stark ab, als sie kurz vor einem Ast war und setzte sich dort hin. Ich habe mir gesagt, Herkules, jetzt bloß nicht in Ohnmacht fallen.

    Auch wenn ich den rasanten Flug nun überlebt hatte, lauerten ja noch zahlreiche weitere Gefahren, wie z.B. Gefressen-Werden oder Vor-Schreck-vom-Baum-Fallen. Ich hatte zwar noch nie gehört, dass Fledermäuse Zirkusflöhe fressen, aber man muss bei so etwas vorsichtig sein. Bis dahin hatte ich schließlich auch nur Fledermäuse getroffen, die rechts fliegen, wer konnte also wissen, was bei dieser hier noch so alles anders war als normal? Deshalb wollte ich gerade die Beine in die Hand nehmen und losspringen, aber da war ja noch die Sache mit dem Hosenträger! In diesem Moment inspizierte die Fledermaus ihr Fell und entdeckte erst meinen Hosenträger, woraufhin sie sehr verwundert dreinschaute, und schließlich: mich!

    „Oh entschuldige bitte“, sagte sie mit einem mir unbekannten Klang in ihrer Stimme. „Ich habe Dich wohl im Flug aufgegabelt, das tut mir leid! Hast Du Dich verletzt? Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, rechts zu fliegen, wie es hier üblich ist, isnʼt it?“

    „Hm“, habe ich gedacht, und dann „Hmmm“. Aber weil ich so was nie laut sagen würde, habe ich kurz überlegt und dann geantwortet: „Hallo kleine Fledermaus. Ja, in Deutschland ist es eigentlich schon so, dass alle Tiere rechts fliegen, sonst kennt sich ja keiner mehr aus. Aber wo kommst du denn her, dass du das nicht kennst und wie heißt du? Ich bin übrigens Herkules, Herkules Flieh. Ein sehr berühmter Zirkusfloh.“, fügte ich sicherheitshalber noch hinzu.

    „Mein Name heißt [bætı blus] und ich komme aus England, und da fliegen alle links, und auch die Autos fahren auf der linken Straßenseite, weil sich sonst ja keiner mehr auskennen würde, isnʼt it?“
    Isnʼt it? Links fliegen? Alle? Und was ist [bætı blus] für ein Name? Habe ich ja noch nie gehört! „Du [bætı blus]“, habe ich deshalb gesagt, kannst Du mir Deinen Namen mal in den Sand malen? Vielleicht verstehe ich dann ja besser!“ Das hat sie dann auch getan und als ich mir das eine kurze Weile angesehen hatte, sagte ich erleichtert:

    „Ach so, du heißt Batty Bluse“, jetzt habe ich verstanden!
    Aber sie sagte „Nein, ich heiße [bætı blus]. In England hat nämlich vor ca. 473 Jahren irgendjemand, der wahrscheinlich auf der Suche nach dem berühmten Wortschatz aus Frühengland war, eine Kiste voller ,e‘ gefunden, und weil er nicht wusste, wohin damit, hat er die ,e‘ einfach an irgendwelche Wörter drangehängt. Damit es keinen Ärger gab, und keiner sich an eine neue Aussprache gewöhnen musste, wurde beschlossen, dass das ,e‘ zwar geschrieben wird, aber nicht gesprochen. Ein bisschen kompliziert, isnʼt it? Für uns ist es aber ganz einfach, weil unsere Mamas und Papas uns erklären, wann man das ,e‘ spricht, und wann nicht. Und bei [blus] spricht man es eben nicht.“
    „Oh Mann“, sagte ich dann, „das ist aber verwirrend, denn bei uns gibt es ein Wort, das schreibt man Bluse, spricht es auch so und das kann man sogar anziehen!

    Aber gut, ich habe mir das gemerkt: Wenn ich deinen Namen ausspreche, sage ich [bætı blus], und wenn ich dir einen Brief schreibe, dann schreibe ich: „An Batty Bluse“, richtig?
    „Genau! Also fast, denn Du kannst natürlich einfach [bætı] zu mir sagen. Ich kann Dich ja auch Herkules nennen, oder?“ „Na logo!“, antwortete ich.

    Aber während wir so geplauscht haben, hing ich immer noch in ihrem Flügel fest und ich sagte, „Du [bætı], kannst Du mir mal bitte helfen, meinen Hosenträger aus Deinem Flügel zu befreien, meine linke Schulter ist schon ganz verbogen.“
    „Oh, sorry, natürlich. Wieso trägst du denn eigentlich Hosenträger? Das habe ich ja noch nie gesehen!“

    „Wir Zirkusflöhe tragen eigentlich alle Hosenträger, das ist so etwas wie unsere Berufskleidung“, habe ich geantwortet und ihr gleich auch noch ein paar andere Dinge erklärt, die viele nicht wissen. So wird immer erzählt, wir Zirkusflöhe würden in Streichholzschachteln schlafen. Das ist natürlich Quatsch, denn wir Flöhe schlafen überhaupt nie! Oder könnt ihr euch einen schlafenden Floh vorstellen?

    Dann sagt Batty plötzlich: „Du Herkules, ich kann auch einen Tricks, soll ich dir den mal zeigen?“ „Klar“, habe ich geantwortet, Tricks sind immer gut zu kennen. „Also gut“, sagte sie. Dann setzte sie sich ganz aufrecht hin, schaute sehr konzentriert und feierlich drein, so als würde sie gleich hundert Wunderkerzen auf einem riesigen Geburtstagskuchen ausblasen und fing an zu husten. Sie hustete weiter und irgendwann klang es nach einer schlimmen Erkältung und ich fragte: „Hey [bætı], alles klar?“ Dann hat sie ein bisschen traurig geguckt und gesagt: „Oh Mann, es hat wieder nicht funktioniert!“ Ich verstand nicht sofort, was los war, oder viel mehr, was nicht los war und wohl besser los sein sollte und fragte deshalb vorsichtig: „Aber was denn? Was ist denn der Tricks?“ Und sie antwortet mit hängenden Schultern und einem traurigen Blick: „Ich will doch mal ein Drache werden und Feuer spucken. Dann kann ich auch im Zirkus auftreten, so wie du. Meine Mama hat immer gesagt, man kann alles werden, was man will. Und deshalb übe ich die ganze Zeit, Feuer zu spucken, aber irgendwie klappt das noch nicht so richtig.“

    „Hm“, da musste ich erst noch mal überlegen, denn das schien mir tatsächlich ein schwerwiegendes Problem zu sein. Da ich in der Kürze der Zeit keine Lösung dafür fand, machte ich, was man in solchen Situationen verlegenheitshalber dann halt so macht: Alternativvorschläge! Damit die Situation nicht so ausweglos erscheint und keiner traurig ist. Und deshalb sagte ich: „Und was anderes willst Du nicht werden? Also Fledermauspostbotin zum Beispiel oder Fledermausfriseuse oder vielleicht Fledermausprofessorin für Sprachen des Vorderen Orients und Philosophie, die werden immer gebraucht.“

    „Nein! Ich will nur ein Drache werden und Feuer spucken. Sonst gar nichts.“

    So, Freunde der Bauecke und Bezwinger des kleinen Einmaleins, das war meine erste Begegnung mit einer englischen Fledermaus. Vielleicht habt Ihr noch nicht einmal eine deutsche Fledermaus gesehen, weil diese Tiere nur nachts unterwegs sind, wenn Ihr schon längst im Bett liegt, natürlich nachdem Ihr Zähne geputzt habt. Und ehrlich gesagt, hätte ich mich nach dieser Begegnung auch gerne kurz ausgeruht, immerhin hatte ich ja davor schon ziemlich viele Sprünge ausprobiert und dann diese Aufregung! Aber dazu kam es nicht, denn nachdem Batty mir geholfen hatte, meinen verhakten Hosenträger aus ihrem Flügel zu befreien, saßen wir noch eine ganze Weile zusammen und haben über alles Mögliche gequatscht. Wobei das mit dem Sitzen bei Fledermäusen ja auch so eine Sache ist, denn was bei uns Sitzen ist, ist bei denen Hängen. Deshalb habe ich es mir auf meinem riesigen Lieblingskieselstein bequem gemacht und sie hat sich an einen Ast über mir gehängt. Am Anfang war das natürlich schon komisch, dass man immer nach oben schauen muss, wenn man sich mit jemandem unterhält. Aber als Zirkusfloh muss ich mich immer ganz schnell an neue Sachen gewöhnen, sonst könnte ich ja niemals so viele verschiedene und komplizierte Sprünge machen, und so habe ich auch das leicht hinbekommen. Der Ast, an dem Batty hing, war von einem Kirschbaum und das war ziemlich praktisch, weil Batty von der langen Reise ziemlich hungrig war, und so nebenbei immer Kirschen essen könnte. Ich persönlich finde ja Kirschen nicht so wahnsinnig toll und vor allem unpraktisch, weil viel zu groß, aber ich sag immer: Jeder wie`s ihm schmeckt.

    Jedenfalls saßen bzw. hingen wir zusammen und haben gequatscht. Und vielleicht geht es euch jetzt auch so wie mir damals, dass Ihr nämlich total neugierig seid zu erfahren, warum eine englische Fledermaus nach Deutschland fliegt?
    Weil ich ein ziemlich direkter Floh bin, habe ich sie auch gleich gefragt: „Du [bætı], wieso bist Du denn eigentlich ganz allein nach Deutschland geflogen? Wo sind Deine Eltern? Woher kanntest Du den Weg? Und wie alt bist Du eigentlich?“

    Ich weiß, dass man lieber nicht so viele Fragen auf einmal stellen sollte, weil es dann meistens auch mit den Antworten ziemlich durcheinander geht, aber bei dieser ganzen Aufregung konnte ich nicht anders.
    „Das waren jetzt aber ganz schön viele Fragen auf einmal, isnʼt it? Aber ich will Dir gerne erzählen, wie es zu alldem kam…


    Na, was meint ihr? Was wird Batty Herkules erzählen?
    Wir sind gespannt auf eure Ideen…

    Oder vielleicht kann jemand von euch schon ein bisschen englisch und möchte Batty mit einem kleinen Brief in Deutschland willkommen heißen? Das würde sie sicher freuen!

    Und wer von euch hat Herkules schon unter Battys Flügel entdeckt? Wir können ihn gar nicht finden. Malt ihr uns einen Floh mit Hosenträgern in Vergrößerung?

    Ganz egal, wie ihr kreativ werden wollt: Wir freuen uns auf eure Zusendungen, die ihr uns gerne zuschicken oder direkt bei uns in der Murkelei vorbeibringen könnt.

    Ihr möchtet gerne mehr über Fledermäuse erfahren?

    Interessante Infos findet ihr z.B. in diesem Buch:
    Meine große Tierbibliothek: Die Fledermaus
    ISBN 978-3-480-23622-0
    Esslinger Verlag

    Die Fortsetzung der Geschichte von Herkules und Batty lest ihr ab Mitte August hier.